Seegottesdienst 2019

Bildrechte: ELKB Breit

Bilder vom Seegottesdienst finden Sie in der Fotogalerie!

Bei strahlendem Sonnenschein haben die beiden evangelischen Gemeinden am Ammersee wieder einen Gottesdienst auf dem See miteinander gefeiert. Nachdem der ursprüngliche Gottesdiensttermin wegen schlechter Wettervorhersage um 1 Woche nach hinten verschoben wurde, trafen sich ca. 130 Gemeindemitglieder auf zahlreichen großen und kleinen Booten bei der "Weißen Säule" in der Nähe von Wartaweil und feierten zusammen mit der Regionalbischöfin Frau Breit-Kessler einen Gottesdienst bei strahlendem Sonnenschein. Dabei unterstützte der neu gegründete Posaunenchor "Heilix Blechle" der "West-Gemeinde" die Seegemeinde bei den Liedern und selbst am Ufer verfolgten einige Gemeindemitglieder zusammen mit zufällig vorbeikommenden Radlern und Spaziergängern den Gottesdienst. Leider schafften es einige Boote aufgrund der doch etwas lauen Windverhältnisse nicht rechzeigit zur Predigt von Frau Breit-Kessler, deswegen hier die Predigt nocheinmal zum nachlesen:

Ammerseepredigt
4.8.2019
Susanne Breit-Keßler

Liebe Schwestern und Brüder!
„Wasser, du hast weder Geschmack noch Farbe noch Aroma. Man kann dich nicht beschreiben. Man schmeckt dich, ohne dich zu kennen. Es ist nicht so, dass man dich zum Leben braucht: Du selber bist das Leben.“ Saint-Exupéry hat das geschrieben in seinem Buch „Wind Sand und Sterne“. Man braucht manchmal Wüstenerfahrung, um wertzuschätzen, was man im Alltag für selbstverständlich erachtet.
Wasser ist Leben. Auch in und mit diesem herrlichen See. Ich lese aus dem ersten Buch Mose im ersten Kapitel – unumstritten eines der größten Kapitel der Weltliteratur:

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. …Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so. …Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Orte, dass man das Trockene sehe. Und es geschah so. Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, dass es gut war.  (1.Mose 1, 1-10)

Wunderbare Bilder sind es, die den Beginn der Welt anschaulich machen – unabhängig von naturwissenschaftlichen Erklärungen. Oh, what a wonderful world“ hat Louis Satchmo Armstrong gesungen und man ist versucht, einzustimmen. Aber wir wissen, dass die Welt nicht nur wunderbar, dass Wasser nicht allein kostbar und erquickend ist. Wasser besitzt auch eine schauerliche Zerstörungskraft.
Die Sintflut, so erzählt das Alte Testament wenige Kapitel nach den Schöpfungsberichten, war in der Lage, alles mit sich fortzureißen. Niemals verführt die Bibel zur Beschaulichkeit. Sie führt vor Augen, was einem an Schönem gegeben ist. Und: Sie lässt keinesfalls im Unklaren über die Gefahren und Lasten, die Ambivalenzen, die unserem Leben auferlegt sind. Am Ammerseee merkt man das spätestens, wenn dunkle Gewitterwolken aufziehen.
Unsere Welt lässt sich nicht naiv verherrlichen; sie muss in ihrer Ambivalenz, in ihren Widersprüchlichkeiten gesehen und oft genug ausgehalten werden. Zugleich fordert sie dazu heraus, sorgsam auf alles zu achten, was gut ist und sich der Ästhetik, der Schönheit der göttlichen Phantasie zu verschreiben, sie auf unsere Weise am Leben zu erhalten und zu variieren mit unseren Gaben und Fähigkeiten.
Der Geist Gottes, der über dem Wasser schwebt, ist einer, der einen jeden und eine jede von uns inspirieren kann zu einem schöpferischen Dasein. Führt man sich die Schöpfungsberichte vor Augen, kann man die Lust am Spielerischen und der Inszenierung lernen. Die Freiheit, unser Leben zu gestalten, und die Liebe, die Aufmerksamkeit für das Detail – ob das nun eine schimmernde Pfütze ist, ein Bach oder Strom, ein See oder das Meer, Händels Wassermusik oder ein zauberhaftes Aquarell, aqua, Wasser.
William Turner hat Seesturm und Sintflut gemalt, den Canale Grande und Schiffe im wundersamen Licht oder zerschellend, brennend im Wasser. Wasser - wichtiges Symbol der Taufe. Als ich geboren war, wollte mich der Pfarrer nicht taufen. Ein „Kind der Sünde“ meinte er, sei ich, weil ich unehelich auf die Welt kam. Meine Mutter gab nicht auf, ihr Kind sollte mit Wasser besprengt und mit der Zusage der göttlichen Liebe ins Leben geschickt werden.
Sie fand einen jungen Vikar, der mich zuhause taufte. Das Bild von mir im Taufkleid und meiner Mutter trage ich seit Jahren in meinem Geldbeutel mit mir herum. Wir brauchen nicht nur klare Vernunft, sondern immer wieder auch Ergriffenheit, innere Bewegung, damit etwas in Bewegung kommt in unserem eigenen Leben und in dieser Gesellschaft. „Ich bin getauft“ hat Luther mit Kreide auf den Tisch geschrieben, wenn er gebeutelt war vom Leben.
Ich bin getauft mit Wasser auf den Namen des dreieinigen Gottes: Ja! Jeder von uns ist ein von geliebtes, unverwechselbares, einmaliges Geschöpf, über dessen Wert andere nicht zu befinden haben. Das besiegeln Wasser und Wort. Wasser ist reinigend. In der Taufe wäscht es symbolisch alles ab, was von Gott und seiner Schöpfung trennt.
Wasser ist Kraftquelle. Die Taufe mit fließendem Wasser macht deutlich: Von uns sollen „Ströme lebendigen Wassers“ (Joh 7,38) ausgehen, wir sollen also Menschen sein, die sich vital, achtsam und kreativ in Welt und Schöpfung einbringen. Nicht nur die Taufe verbindet uns mit Wasser.
Meer, Flüsse und der Ammersee sind Teil der Natur und daher unserer Lebenswelt. Sie sind ein Teil der Schöpfung. Schöpfung ist ein Begriff, der Beziehung ausdrückt. Es geht um die Beziehung Gottes zur Welt und um unsere Beziehung zu unserer Umwelt. Nicht wie die Welt entstanden ist, steht im Zentrum theologischen Interesses, sondern wozu sie existiert. Der gläubige Mensch interpretiert die Welt als Geschenk.
Der Soziologe Max Weber entdeckte in der christlichen Haltung zur Natur eine „Entzauberung der Welt“. Und es stimmt: Wir sehen weder Bäume noch Tiere noch Flüsse oder Seen als Götter an. Das ist befreiend. Wir haben nicht mit Dämonen, bösen Geistern und Flüchen in der Natur rechnen. Sie ist nicht gegen uns, sondern wir gehören als großes Ganzes zusammen, sind Teil von ihr.
Das Sitzen am Ufer bringt Erholung für den Leib, Nahrung für die Seele. Wasser bedeutet Spiritualität. Menschen suchen Ruhe, Entschleunigung und Sinn in ihrem Leben. Gehen wir diesen geistlichen Weg mit und bieten Raststationen an, bei denen die Seele auftanken kann: Gottesdienste auf Berggipfeln oder wie heute auf dem See. Spazierwege am Uferrand, anregende Gespräche bei einem Glas Wein beim Plätschern der Wellen.
Oder intensive Seelsorgegespräche zur Krisenbewältigung beim Uferspaziergang. Wir nehmen Kinder bei Taufen im Grünen in die Gemeinschaft der Gläubigen auf. Wir erbitten Gottes Segen für Paare bei Hochzeiten in der Natur. Den Hinter- und Ermöglichungsgrund bietet unser Land. Das ist ein gewichtiges Motiv, die Kraft der Natur zu erhalten, die unsere Seele anrührt und den Blick klärt für die eigene Zukunft.
Menschen wollen das Geschenk des Lebens achten. Wir stoßen auf offene Ohren und Herzen, wenn wir Kleine und Große in der Wasserschule oder am Weltwassertag sehen lehren, welche wunderbare Vielfalt in und um Bäche, Seen und Flüsse wächst und gedeiht, sich der Sonne entgegenstreckt, mit der Nase im Schlamm gründelt, sich fest verankert in den Boden krallt, mit dem Wasser um die Wette schwimmt und auf Schaumkronen tanzt.
Staunen, Dankbarkeit … So wie es in einem Lied heißt, das 1680 von Joachim Neander gedichtet wurde: „Himmel, Erde, Luft und Meer / zeugen von des Schöpfers Ehr; /meine Seele singe du, /bring auch jetzt dein Lob herzu. // Seht der Wasserwellen Lauf, / wie sie steigen ab und auf; / von der Quelle bis zum Meer /rauschen sie des Schöpfers Ehr. // Ach mein Gott, wie wunderbar /stellst du dich der Seele dar! / Drücke stets in meinen Sinn, / was du bist und was ich bin.“
Das muss doch so recht ein Lied für die sein, die sich noch einen Sinn für Romantik bewahrt haben. Und einen frommen, also nützlichen Realismus. Denn wenn etwas frommt, dann nützt es. Gott hat alles, was ist, ins Leben gerufen, auch Wasser. Und er hat uns in Jesus von Nazareth ein lebendiges Bild vor Augen gestellt, wie dieses Leben aussehen kann, auf das hin wir mit Wasser getauft sind:
Aufmerksam, achtsam, fröhlich, fürsorglich, geistreich, gelassen, hellwach, kritisch, liebevoll, munter, nachdenklich, ruhig, zugewandt... Eines, von dem Ströme lebendigen Wassers fließen. Ein Leben mit Ambivalenzen wie Wasser, aber mit eindeutiger Herkunft, himmlischem Ziel und mittendrin einem Gott, der wahrer Mensch ist. Wir dürfen leben, uns persönlich und diese Welt zum Guten hin schöpferisch verändern. Den Ammersee lassen wir, wie er ist. Amen.